RW Field Trip #2: Anna Iarotska

„Alles ist möglich.“

Willkommen zu unserer zweiten Folge des RW Field Trips, wo wir mit Pädagogen, Eltern und Tech-Experten über ihre persönlichen Erfahrungen des Erwachsenwerdens sowie Lernentwicklungen sprechen.

In diesem Beiricht sprechen wir mit Anna Iarotska über ihre vielfältigen Erfahrungen und deren Beitrag zu ihrer Entwicklung in die Führungskraft & Gründerin, die sie heute ist.

Was war als Kind dein Lieblingsspielzeug oder -spiel?

AI: Ich bin in der Ukraine (ehemalige Sowjetunion) aufgewachsen und habe nicht besonders viel Spielzeug besessen. Groß geworden bin ich auf dem Land bei meiner Großmutter, die viele Tiere hatte. Wir hatten Kühe, Schweine, Hasen, Hühner, Truthähne, Bienen, drei Hunde, Katzen und vieles mehr.

Mein liebstes elektronisches Spielzeug, das ich besaß als ich aufwuchs, war diese Handkonsole Electronica IM-02.

Was wolltest du als Kind werden, wenn du groß bist? Und warum?

AI: Ich wollte etwas Unternehmerisches machen, weil mein Onkel für mich ein Vorbild war und er ein sehr erfolgreicher Manager in Moskau war. Ich sah den Erfolg und dachte „Ich will diese Art von Erfolg“. Ich bin mit keinen unternehmerischen Vorbildern groß geworden. Ich realisierte nicht einmal, dass das etwas ist, was ich werden könnte. Deshalb sind Vorbilder für Kinder so wichtig, denn sie zeigen ihnen, was möglich ist.

Beschreibe deine Kindheitserinnerungen an die Schulzeit.

AI: Ich fokussierte mich auf Englisch, Mathematik und Literatur. Ich liebte es zu lesen. Ich las das erste ‚Krieg und Frieden‘ Buch in nur 4 Tagen (über 1200 Seiten)! Insgesamt fand ich die Schulzeit nicht besonders anspruchsvoll. Deshalb hörte ich im letzten Schuljahr auf und lernte zuhause mit einem Tutor, um mich für die Aufnahmeprüfung der Universität vorzubereiten.

Gibt es etwas, das du an deiner Bildung in der Kindheit ändern würdest?

AI: Wenn ich jetzt ein Kind wäre, würde ich eine Mischung aus offline und online Lernen bevorzugen. Kinder lernen oft unterschiedlich schnell, weshalb es für Schulen schwierig ist, jedes Kind einzubeziehen. In den 90er Jahren gab es in der Schule kein Internet. Heutzutage haben Kinder die Möglichkeit in der Schule zu lernen und ihr Wissen über Online-Schulen zu erweitern. Ich glaube, dass diese Mischung (soziale Interaktion in der Schule gemischt mit fortgeschrittenem Lernen online) Kindern helfen würde, am Ball zu bleiben.

Erzähle mir über deine Studienzeit – wie sah dein Weg aus?

AI: Ich fing mein Studium in der Ukraine an und entschied mich dazu, ein Austauschjahr zu machen. Ich ging nach Deutschland, um die Sprache zu lernen und realisierte dort, dass meine Universität in der Ukraine vielleicht zu wenig herausfordernd ist. Ich entschied mich nach Wien zur Wirtschaftsuniversität zu gehen. Zu dieser Zeit gab es ein Programm von Unternehmen, die Osteuropäer brauchten, um ihre Investments in Osteuropa zu verwalten. Aufgrund der praktischen Kenntnisse dieses Kurses wurde ich direkt von einem Consulting Unternehmen eingestellt. Ab diesem Zeitpunkt arbeitete ich vier Jahre im Investment Management. In diesem Job wurde mir klar, dass die traditionelle Karriereleiter nichts für mich war. Ich entschied mich dazu einen Bildungsurlaub zu nehmen und ging zur London School of Economics (LSE). Ich wollte eine Antwort auf eine Frage, die mich lange beschäftigte: Warum entwickelten sich osteuropäische Länder nach der sowjetischen Herrschaft so unterschiedlich? Dieses Programm (Entwicklungsmanagement) umfasste alle Themen zum Ankurbeln des Wachstums nicht nur in Unternehmen, sondern auch in Städten, Regionen usw.

Wie kam es nach LSE zu deiner Gründung von Robo Wunderkind?

AI: Nach LSE erhielten viele meiner Kommilitonen eine Stelle bei der UNO. Ich begann in Georgien bei einem Projekt in der Entwicklungshilfe zu arbeiten. Es war eine tolle Erfahrung, aber zeigte mir, dass dies nicht mein Weg war. Ich entschied mich, zurück nach Wien zu gehen und sah, dass sich dort eine wachsende Startup Community etabliert hatte. Ich erinnere mich daran, wie ich mir dachte, dass dies etwas zum Ausprobieren sein könnte. Ich trat Impact Hub bei, beriet einige Startups und half dem Redner-Team auf dem Pioneer Festival (Tech & Innovation Festival in Wien). Auf dem Festival war ich von den neuen Erfindungen beeindruckt und erkannte, wie viele Möglichkeiten es gibt. Dort traf ich auf meinen Mitbegründer Rustem Akishbekov. Er war, genauso wie ich, fest entschlossen und motiviert ein eigenes Projekt zu starten. Er hatte die Idee, einen Roboter zu erstellen, den jeder bauen könnte. Ich dachte nur, dass dies eine wirklich, wirklich gute Idee ist. Nach einer Nacht der Recherchen und den entdeckten wachsenden MINT-Initiativen weltweit wurde mir bewusst, dass wir eine großartige Idee hatten – eine, die es zu erkunden wert war.

Mein Weg zum Gründen war eine Sammlung an Erfahrungen, die mir, im Nachhinein betrachtet, dabei halfen meine Kenntnisse aufzubauen und meine Sichtweise auf das Leben zu erweitern.

Gibt es etwas, das du auf deinem Weg zur Gründerin anders gemacht hättest?

AI: Ich habe mich immer gefragt, ob ich schon früher etwas Eigenes hätte gründen können. Aber ich denke nicht, denn ich hatte nicht das Selbstvertrauen. Ich war immer auf den akademischen Erfolg fokussiert. Ich wünschte, ich wäre schon früher außer meines Studiums z.B. Debattierclubs beigetreten. Meine Universität in der Ukraine bot solche Möglichkeiten nicht an und Akademiker gaben mir nicht die Zuversicht, dass ich etwas Größeres als das Bestehen eines Tests mit Bravour erreichen könnte.

Was also gab dir das Selbstvertrauen zum Gründen?

AI: Ich glaube, dass es das Organisieren eines Protestes für die Ukraine in Wien war. Ende 2013 gab es einen Protest in der Ukraine; ich flog sogar in die Ukraine, um daran teilzunehmen, so angetan war ich davon. Als ich zurück in Wien war, wollte ich auf das, was in meinem Heimatland geschah, aufmerksam machen. Ich erhielt viel Aufmerksamkeit für die Arbeit, die ich machte – Proteste und Petitionen organisieren – weil ich emotional involviert war, da ich Menschen kannte, die durch die Geschehnisse verletzt oder betroffen waren. Sehr schnell wurde ich zu einigen Fernsehshows eingeladen. Meine Stunde der Berühmtheit hatte ich bei ORF Im Zentrum. Ich war die einzige Frau und die restlichen eingeladenen Gäste waren 25 bis 45 Jahre älter als ich. Ich hatte einige Dinge zu sagen, weshalb ich einige Fragen ignorierte, um meinen Standpunkt zum Ausdruck zu bringen. Danach wurde ich zu einem Treffen mit den Köpfen der führenden Parteien in Österreich eingeladen, um meine Ansichten zu teilen.

Es zeigte mir, dass man es schaffen kann, wenn man an etwas glaubt, es mit Leidenschaft tut und natürlich hart dafür arbeitet. Es eröffnete sich mir die Mentalität, dass alles möglich ist. Ich hätte nie daran geglaubt, dass ich zur Hauptsendezeit im Fernsehen gewesen wäre.

Wenn ein Kind dir erzählen würde, dass es gründen möchte – welchen Ratschlag würdest du ihm geben?

AI: Als erstes wäre ich schwer beeindruckt, wenn ein Kind das zu mir sagen würde. Es zeigt mir, dass es schon das Feuer in sich hat, um es zu tun.

Dennoch denke ich, dass es viele Kinder gibt, die noch nicht realisieren, dass es möglich ist ein Gründer oder eine Gründerin zu sein. Wenn sie so jemanden in ihrem Umfeld haben, wird es für sie einfacher sein. Ich würde empfehlen in Vereine beizutreten oder an Aktivitäten außerhalb der Schule teilzunehmen. Dadurch sammelt man Erfahrungen im Organisieren – das kann eine Veranstaltung für eine Spendenaktion sein oder ähnliches – so lernt man etwas von Grund auf aufzubauen. Man gewinnt soziale Kompetenzen und lernt Menschen zu führen, was für einen Gründer sehr wichtige Fähigkeiten sind.

Wenn du die Zeit zurückdrehen könntest, welchen Ratschlag würdest du deinem 10-jährigen Ich geben?

AI: Dass alles möglich ist. Offener gegenüber unterschiedlichen Dingen im Leben zu sein und den Mut zu haben, mich in unterschiedliche Situationen zu bringen, die ich nicht gewohnt bin. Außerhalb deiner Komfortzone werden dir verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt.